Unsere Schweizer Kollegen von Tensid EQS sprachen mit Michel Gerber, Head of Investor Relations & Corporate Communications VAT Group AG und Präsident des IR club Schweiz über aktuelle Entwicklungen der Investor Relations-Branche in der Schweiz.

Was sind derzeit die brennenden Investor Relations-Themen in der Schweiz?

Michel Gerber: Seitens des Regulators, des Accountings oder im Zusammenhang mit der bestehenden „Markets in Financial Instruments Directive MIFID I“ und der ab 2018 gültigen „MIFID II“ der Europäischen Union gibt es viele neue Regeln. Deshalb besteht eine gewisse Verunsicherung darüber, wie man als Unternehmen und Investor Relations-Verantwortlicher noch mit den Analysten und Investoren kommunizieren darf und soll. Auch sind die Geschäftsberichte in den letzten Jahren immer umfangreicher geworden, weil man allen Anspruchsgruppen gerecht werden will. Eine kurze, prägnante und doch relevante Informationsvermittlung scheint so immer schwieriger zu werden. Die neuen Kanäle über die elektronischen Sozialen Medien haben hier sicher eine Zukunft.

Wie steht es denn mit dem Einsatz der elektronischen Sozialen Medien im Bereich der Investor Relations in der Schweiz?

Michel Gerber: Das Potenzial von Social Media wird hierzulande im Bereich der Investor Relations sicherlich noch kaum richtig umgesetzt. Es gibt zwar schon viele Unternehmen, welche eine Social Media-Strategie fahren. Die lassen aber hinter vorgehaltener Hand verlauten, dass sie dies zurzeit eher als ein „Nice-to-have“ und noch weniger als ein „Must-have“ einschätzen. Hier muss noch vermehrt in das Aufzeigen des effektiven Nutzens von Social Media für die Investoren und die übrigen Zielgruppen investiert werden. Natürlich darf man die effektiven Kosten und den Aufwand für eine effiziente Bewirtschaftung der Social-Media-Kanäle nicht unterschätzen. Doch die fortschreitende Digitalisierung aller Lebensbereiche und namentlich der Kommunikation lässt den Investor Relations-Verantwortlichen in Zukunft gar keine andere Wahl, als bei Social Media dabei zu sein.

Wie sehen Sie generell den Stand und die absehbare Zukunft der Digitalisierung der Investor Relations?

Michel Gerber: Wie gesagt: Die Digitalisierung ist ein zentrales Thema unserer Gesellschaft, dem sich die Investor Relations-Verantwortlichen nicht entziehen können. Das hat ja auch den großen Vorteil, dass sich alle administrativen Arbeiten effizienter und kostengünstiger gestalten lassen. Aber: Was immer zentral bleiben wird, ist der persönliche Kontakt der Investor Relations-Verantwortlichen zu den Investoren, Analysten und anderen Zielgruppen wie den Medien. Ein persönliches Treffen mit dem CEO oder dem CFO bleibt eines der wirksamsten Kommunikationsinstrumente. Vielleicht wird das allerdings in Zukunft noch etwas mehr mittels hochprofessioneller Videokonferenzen umgesetzt.

Wie hoch schätzen Sie generell das erreichte Niveau im Bereich der Investor Relations in der Schweiz ein?

Michel Gerber: Ich bin mittlerweile mehr als 20 Jahre im Bereich Investor Relations und Corporate Communications tätig. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Bei den großkapitalisierten Unternehmen wird in der Schweiz eine sehr professionelle Investor Relations-Arbeit gemacht. Diese muss sich vor den entsprechenden Unternehmen aus den USA oder Europa nicht verstecken. Wo ich noch Verbesserungspotential sehe, ist bei den kleineren Unternehmen. Bei diesen ist es schon aus Budgetgründen oftmals so, dass sie keine eigene Investor Relations-Abteilung haben: Sie lassen das einfach in einer Nebenrolle laufen. Da muss zugelegt werden. Das hat ja auch die Schweizer Börse mit ihrem „Stage-Programm“ für die kleinen und mittleren Börsenkotierten erkannt.

Wie beurteilen Sie die Schweizer Regulierung im Bereich der Investor Relations?

Michel Gerber: Die Schweiz ist in der Regulierung in vielen Belangen sehr stark an die Regeln der Europäischen Union angelehnt. Daher erwarte ich weiterhin eine geordnete Entwicklung mehr oder weniger im Gleichschritt mit der EU. Dies ist in meinen Augen ein Vorteil, da es den internationalen Anlegern ermöglicht, den Schweizer Markt aus dem gleichen Blickwinkel zu betrachten wie die Märkte im Rest von Europa und auch in den USA.

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